Donnerstag, 1. Juli 2010

Roman Milliansstrass - Einleitung und Kapitel 1 bis 5

Dies ist das erste Fortsetzungs-Roman-Blog (jedenfalls soweit ich weiss). Der Roman von Karl Weiss "Milliansstrass" wird hier kapitelweise eingestellt, so wie er bei http://karlweiss.twoday.net veröffentlicht wird.

Der 1. Juli, Beginn eines neuen Halbjahres, ist wohl ein guter Termin, um mit der Veröffentlichung eines Romans in Fortsetzungen zu beginnen. So sei es denn! Hier beginnt der erste Fortsetzungsroman in einem Blog!

Milliansstrass

Roman von Karl Weiss

Cuvilliér-Theater

1. Veröffentlichung

A. Einleitung

Die Maximilianstraße ist eine von Münchens Prachtstraßen. Zu jener Zeit (1956), als unsere eigentliche Geschichte in München beginnt, wie auch 1968, als die Geschichte endet, fand man dort das vornehmste Hotel Münchens, das ‚Vier Jahreszeiten‘, das in der Geschichte nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Maximilianstraße ist und war eine Straße der Theater, Luxus-Restaurants und -Geschäfte, öffentlichen Gebäude, guten Hotels und alles, was sonst noch eine Prachtstraße ausmacht.

Sie beginnt am Max-Joseph-Platz, in der Innenstadt. Dort stehen das Nationaltheater und das Staatsschauspiel und von dort aus geht man auch in die Residenz mit dem berühmten Cuvilliés-Theater (das gerade seine 250 Jahre gefeiert hat). Sie durchquert den Vorort Lehel und zieht sich hin bis zur Isar, an der Maximiliansbrücke, direkt unter dem ‚Maximilianeum‘, das heute den Bayerischen Landtag beherbergt.

Etwa bis zur Hälfte hat sie einen schmaleren Teil, dann öffnet sie sich zum zweiten, breiten Teil, an beiden Seiten mit Anlagen, hinter denen dann die Gebäude stehen. Die Maximilianstraße wurde im ersten Teil des 19. Jahrhunderts von König Maximilian dem Ersten von Bayern als ein verkleinertes Abbild der „Champes-Elysees“ in Paris angelegt.

Da ist nicht nur die Staatsoper, das Staatsschauspiel und das Cuvilliéstheater. Um ihren Anspruch als kulturelles Zentrum Münchens noch zu untermauern, ist mitten in der Maximilianstraße auch noch das Theater ‚Kammerspiele‘, eines der wichtigsten deutschsprachigen Theater. Auch von ihm hören wir gegen Ende der Geschichte noch.

Damals waren eine Anzahl von Gebäuden am Anfang der Maximilianstraße noch Ruinen, den Bomben zum Opfer gefallen, hauptsächlich das Nationaltheater (die Staatsoper), dessen Seitenfront an der Maximilianstraße liegt und der angrenzende Häuserblock, der erst im Jahre 2003 mit der alten Fassade und modernen „Innereien“ wieder bebaut wurde (‚Maximilianhöfe‘).

München Mai 1945 Nationaltheater

Waren die Wunden des Krieges noch zu heilen, wird es schwierig sein, wiederherzustellen, was die Anbetung des ‚goldenen Kalbs mit vier Rädern‘ durch sogenannte Christen angerichtet hat. Sie haben sie in zwei Teile geteilt. Es wurde eine Schneise in die klassische Bebauung geschlagen. Gleich neben der Stelle, wo sie sich in Richtung Isar hin ausweitet, wurde der Münchener Altstadtring quer durch geschlagen, damit Herr Biedermann mit dem Auto direkt in die Innenstadt fahren kann. Was wäre es für ihn auch für eine Erniedrigung, wenn er einmal die U-Bahn benutzen müsste! Freie Fahrt für freie (Spieß-)Bürger!

Durch die Maximilianstraße führte eine Straßenbahnlinie (hier sagen wir Trambahn), als unsere Geschichte beginnt. Straßenbahnen hatten damals noch Schaffner, sowohl im Zugwagen wie im Anhänger (manchmal gab es auch zwei Anhänger), von denen man beim Erreichen einer neuen Station einen lauten Ruf hören konnte. Was da gerufen wurde, sollte eigentlich der Name der Haltestelle sein. Da jene Schaffner aber nun fast alle eingesessene Münchner waren und Bayerisch sprachen, war der Name für den Fremden meist unverständlich (und die Einheimischen wussten ja sowieso, wie die Haltestelle heißt). Manchmal wurde der Name auch noch abgekürzt, wenn sich eine Abkürzung anbot.

Heute hört man in den wenigen verbliebenen Straßenbahnlinien Münchens in perfektem Hochdeutsch die sanfte, sinnliche, weiche Stimme einer Dame mit den Ansagen aus dem Lautsprecher, die zu allem Möglichem einzuladen scheint, nur nicht zum Umsteigen an der richtigen Haltestelle.

Es gab aber keine Haltestelle mit dem Namen Maximilianstraße. Man konnte also keinen Schaffner die ‚Kurzform‘ in Bayrisch rufen hören: „Milliansstrass!“. Man weiß aber, was er gerufen hätte. Man brauchte nur seine Ruf hören, wenn die ‚Tram’ weiter unten am Rand der Innenstadt am Maximiliansplatz ankam: „Milliansplatz!“. Der beliebte bayerische Komiker „Weiss Ferdl“ (Ferdinand Weiss, für die von jenseits des ‚Weißwurst-Äquators‘), dessen Statue heute am Viktualienmarkt steht, hat diese ‚Verstümmelung‘ in seiner unsterblichen Parodie auf die damaligen Schaffner, „Linie 8“, der Nachwelt hinterlassen: „Milliansplatz!“.

Das Bayerische hat manchmal ein wenig Probleme mit zusammengesetzten Substantiven. Für den Bayerisch sprechenden ist es oft ungewöhnlich, zwei Substantive einfach aneinander zu hängen und dann das erste als eine nähere Beschreibung des Zweiten zu betrachten. So pflegt der Bayer manchmal ein Genitiv-S zwischen beide einzufügen. Ebenso kann er nicht so einfach ‚schlucken‘, dass eine Deklination nur am Ende des Doppelwortes stattfindet und nicht auch am Ende des ersten Substantivs.

Der große bayerische Komiker Karl Valentin hat dies in einer Lachtränen treibenden Szene klar gemacht, in der er die Plural-Form von Semmelknödel bildet (Für die ‚Preissn‘: Semmeln sind Brötchen und Knödel sind Klöße und die Semmelknödel sind eine der Leibspeisen des Bayern: Brötchenklöße????). Einerseits meint Valentin, es kann nicht angehen, keine Pluralform von Knödel zu haben, also formt er eine: Knödeln! Andererseits beginnt er dann als Bayer zu zweifeln, ob denn nicht auch der erste Teil in den Plural (Genitiv) gesetzt werden muss und kommt so zu: Semmelnknödeln!

Wie gesagt, man liebt es hier, das Genitiv-S einzufügen und so wird analog zum ‚Milliansplatz‘, aus der Maximilianstraße eine Maximiliansstraße. Daher auch die Kurzform ‚Milliansstrass‘. Auch die zwei ‚l‘ haben mit dem Bayerischen zu tun. Man liebt hier keine langen ‚i‘ und das kurze ‚i’ ist eben charakterisiert durch den folgenden Doppelkonsonanten: Millian.

Zwar kreuzte (und kreuzt) auch eine Straßenbahn die Maximiliansstraße, aber die Haltestelle heißt nicht Maximilianstraße, sondern „Maxmonument“, weil genau hier in der Mitte der Maximilianstraße ein gewaltiges Denkmal für Maximilian den Zweiten (den Enkel jenes Maximilian I. und Vater des berühmten Ludwig II.) die Ansicht ‚verschönt‘.

Dort am Maxmonument, kurz bevor die Maximilianstraße ausläuft, beginnen auch die traditionellen Umzüge in München. Das ist vor allem der jährliche ‚Wies`n‘umzug zum Auftakt des Oktoberfests im September. Es gab auch eine ganze Anzahl von Jahren einen Faschingsumzug (Fasching heißt bei uns der Karneval). Aber das Verhältnis des Münchners zum Fasching ist zwiespältig und so konnte sich diese Tradition nicht halten.

Der schönste Umzug, den ich hier gesehen habe, war aber der zur 800-Jahr–Feier Münchens 1958. Er begann nach Einbruch der Dunkelheit und alle Straßenbeleuchtung wurde abgeschaltet. Die Gruppen und Wagen glänzten nur im eigenen Licht in einem dunklen München. Wir positionierten uns, wie auch bei den anderen Umzügen, rechtzeitig eineinhalb oder zwei Stunden vorher am Rand der Maximilianstraße. Beim Nachtumzug waren zwei der weiter zurück liegenden öffentlichen Gebäude noch beleuchtet.

Uns gegenüber begann man im Sprechchor zu rufen:
„Museum Licht aus!“

Tatsächlich funktionierte das und wir begannen nun zur anderen Seite zu rufen:
„Regierung Licht aus!“.

Dort hinter den Anlagen ist auf der einen Seite das Völkerkundemuseum, auf der anderen die Regierung von Oberbayern. Schließlich konnten wir den Umzug in völliger Dunkelheit bewundern.

Die Straßenbahnlinie, die am ‚Maxmonument‘ kreuzt, werden wir in der Geschichte noch wiedertreffen, wenn sie mich (als Kind) eine Haltestelle weiter bringt, als ich will. Damals war es die Linie 20.

Auch das ‚Maxmonument‘ werden wir im weiteren noch antreffen, denn direkt dort war die ‚Oberschule‘, in die ich zu jener Zeit kam.

Wesentlich aber war: Gleich gleich dort neben der Maximilianstraße wohnte ich. In der Maximilianstraße natürlich nicht, denn dort gab es schon damals nur teure Luxus-Wohnungen, soweit neben den Arzt-, Rechtsanwalts- und sonstige Praxen überhaupt Wohnungen in den Häusern waren.

Auch eine dieser Wohnungen wird noch eine Rolle spielen im weiteren Verlauf.

Schließlich werden wir noch vom Zusammenhang von Thomas Mann mit der Maximilianstraße hören und dann am Ende wieder in der Maximilianstraße landen.

Nur der Name ist eben so lang und so nannten wir sie, in Anlehnung an Weiss Ferdls „Milliansplatz“ eben einfach „Milliansstrass“.

Gerade daran erinnerte ich mich, als ich an einem wolkenverhangenen Oktobervormittag des Jahres 1968 von der Isar her durch den ganzen unteren Teil der Maximilianstraße ging, bis zum Hotel Vier Jahreszeiten. Ich hatte das Auto absichtlich etwas weiter weg abgestellt. Für mich hieß sie immer noch die ‚Milliansstrass‘. Doch dann schweiften meine Gedanken zu einem anderen Thema.

Hier, an der Schule, an der ich eben vorbeikam, hatten einige Lehrer versucht, uns nichts oder fast nichts über das ‚Dritte Reich‘, wie sie es immer noch nannten, zu erzählen. Und wenn es einfach nicht mehr zu verhindern war, dann kamen haarsträubende Rechtfertigungen: Von der Notwendigkeit, Deutschland seinen Stolz wiederzugeben und die Arbeitslosigkeit durch den Bau von Autobahnen einzudämmen. Zwar habe es einzelne Exzesse gegeben, aber jene Zahlen von Millionen von Juden seien natürlich weit übertrieben „und schließlich ist der Jude doch immer ein Schmarotzer gewesen“.

Wenige Tage vor meiner Wanderung durch die Milliansstrass hatte ich eine Dokumentation über die Judenvernichtung gelesen und wusste es nun besser.

Ebenso war es erst kurz zurück, daß mir ein Buch des Rechtsanwalts Gritschneder aus München in die Hände gefallen war, in dem er minuziös schildert, wie die meisten Naziverbrecher (und speziell die Richter) unter himmelschreiend lächerlichen Vorwänden freigesprochen oder gar nicht erst angeklagt wurden, ja sogar fast alle wieder in gleiche oder höhere Positionen eingesetzt wurden als jene, die sie im Faschismus innehatten.

Ich musste mich, als junger Mann, mit der Tatsache vertraut machen, dass ich aus einem Volk hervorgegangen war, aus dessen Mitte eines der größten Gesamtverbrechen organisiert und begangen worden war, das die Menschheit je gesehen hatte (und die hatte schon viel gesehen). Und das betraf nicht irgendeine tiefe Vergangenheit, sondern die Generation meiner Eltern.

Schlimmer noch, die überwiegende Mehrheit eben dieser Generation meiner Eltern wollte nichts davon wissen, wollte alles unter den Teppich kehren. Fast niemand wurde bestraft und das wurde gut geheißen und das war Gegenwart, hier im Jahre 1968, nicht in der Vergangenheit. Und ich schwor mir, Karl, du wirst immer, immer, jede schreiende Ungerechtigkeit anklagen, jeden Rassismus und jede Diskriminierung, in welchem Gewand auch immer, so etwas nicht hinnehmen.

Wenn die Generation unserer Eltern nicht fähig war, diese „Aufarbeitung“ zu leisten, wir, unsere Generation, werden das tun!

Jetzt gerade, als ich dies schreibe, lese ich, welch Geist in München schon wieder (oder immer noch) herrscht: „Wegen öffentlicher Aufforderung zur Störung der Neonazi-Versammlungen [gegen die ‚Wehrmachtsausstellung‘] sind ein ehemaliger KZ-Häftling und ein Angehöriger von Opfern des NS-Regimes … zu Geldstrafen verurteilt worden. [Auch…] Siegfried Benker, Grünen-Fraktionschef im Rathaus [von München] […] ist [wegen des gleichen ‚Vergehens‘] zu einer Geldstrafe verurteilt worden.“ (Süddeutsche Zeitung vom 16.10.2003)


1. Kapitel: Die erste Fremdsprache

Als ich gezeugt wurde, war mein Vater in Kriegsgefangenschaft. Das kann nicht sein? Es kann! Er war im April 1945 als deutscher Soldat in englische Kriegsgefangenschaft geraten. Da er etwas Englisch konnte, setzte man ihn als Dolmetscher ein. Als ‚Belohnung‘ für seine Dolmetschertätigkeit wurde ihm ab und zu ein Wochenendurlaub zugestanden.

Da hätte er ja fliehen können? Nun, das war Anfang August 1945 in Deutschland sicher nicht einfach (Das war wenige Tage, bevor die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden). Jeder erwachsene Mann ohne Besatzungsuniform, der zu dieser Zeit auf der Straße angetroffen wurde, war verdächtig. Deutsche Männer hatten zu diesem Zeitpunkt entweder tot zu sein, sehr alt oder in Kriegsgefangenschaft.

Die wenigen, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht eingezogen worden (und daher auch nicht in Gefangenschaft waren), waren es schon gewohnt, an jeder Straßenecke kontrolliert zu werden. Die ersten Entlassungen aus Kriegsgefangenschaft in nennenswerter Zahl fingen erst nach diesem Zeitpunkt an.

Mein Vater war in einem Kriegsgefangenenlager, das nicht weit entfernt war von der kleinen Stadt in Niedersachsen, wo meine Mutter mit ihrem ersten Kind (meiner großen Schwester) bei ihren Eltern lebte. So konnte er bei diesen Wochenendurlauben aus der Gefangenschaft seine Frau besuchen. Und – wie die Dinge so sind – wurde ich 9 Monate später, im Mai 1946 geboren.

Der Jahrgang 1946 hat die geringste Geburtenraten in Deutschland im ganzen zwanzigsten Jahrhundert. Nun – wo die Männer tot oder in Kriegsgefangenschaft sind, können (üblicherweise) keine Kinder gezeugt werden. Der kleine schwarze Wuschelkopf neben mir auf dem Klassenfoto der Münchener ABC-Schützen 6 Jahre und neun Monate später zeigte allerdings, es gab auch Wege, diesem Dilemma zu entkommen.

1952 hatte mein Vater sein Studium in München beendet und begann als Referendar (später Studienassessor) an einer Schule, ebenfalls in München. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits vierzig Jahre alt. Für jene Generation, die Soldat im Zweiten Weltkrieg sein musste und dann noch in Gefangenschaft kam, hatte sich alles verzögert. Er holte dann seine Frau und uns zwei Kinder nach München.

Ich wurde zum zweiten Mal ‚eingeschult‘. In Niedersachsen begann das Schuljahr (so wie in ganz Deutschland außer Bayern) nach Ostern, also im April. Da ich da schon fast 6 Jahre alt war, kam ich also in die Schule. Im August zogen wir nach München und nun war ich im September erneut ‚ABC-Schütze‘.

Deutschland brauchte noch viele Jahre, um sich wenigstens auf einen einheitlichen Termin für den Schulanfang zu einigen. Es wurde in den sechziger Jahren ein Kurzschuljahr für alle außerhalb Bayerns eingelegt, um dies zu erreichen.

Für mich brachte das zweimalige Anfangen sogar noch etwas Probleme: Während man in Niedersachsen noch das traditionelle Lesen lernen mit einzelnen Buchstaben verwendete, war man in München schon bei der ‚ganzheitlichen‘ Methode, was mich natürlich etwas durcheinander brachte.

Was aber ein wirkliches Problem für mich darstellte, war die Sprache. In München gab es zu jener Zeit einen spöttischen Spruch: „Ich kann drei Sprachen: Deutsch, Bayrisch und g`schert daherred`n.“

Tatsächlich stellte das Lernen von Deutsch zu jener Zeit, in den fünfziger Jahren, für viele der jungen Münchnerinnen und Münchener ein Problem dar, so wie auch in anderen Teilen Deutschlands, wo ausgeprägte Dialekte gesprochen wurden.

Viele Kinder hatten bis dahin nur Bayerisch gehört und gesprochen und wurden nun in der Schule mit Lehrerinnen und Lehrern konfrontiert, die reines Hochdeutsch sprachen (und lehrten) oder dies jedenfalls versuchten. Diese Kinder würden die Sprache gewissermaßen assimilierten, wurde als selbstverständlich angenommen. Aber Viele verstanden nur teilweise oder gar nicht, was da gelehrt wurde. So wurde die Schule in den ersten Jahren nicht nur zu einem uneingestandenen Sprachunterricht für so manche, sondern auch zu einem ungerechten Ausleseverfahren:

Wer aus einer Familie kam, in der nur starker Dialekt gesprochen wurde, hatte wenig Chancen, nach vier Jahren für die „Oberschule“ (so hießen damals die Gymnasien, nur die ‚humanistischen’ durften sich ‚Gymnasium’ nennen) vorgesehen zu werden.

In diesem Sinne war ich damals privilegiert. Als ich mit sechs Jahren aus Norddeutschland nach München kam, sprach ich hochdeutsch und hatte nicht diese Art von Problem.

Das Problem war, für mich jedenfalls, weit größer: Ich hatte jene etwas breite Aussprache des Hochdeutschen, wie sie für die nördlichsten Provinzen Deutschlands typisch ist, traf aber in München auf Mitschüler, die überwiegend Bayerisch sprachen. Zwar gab es in München, wie zu dieser Zeit auch in anderen Teilen Deutschlands, eine bedeutende Anzahl Flüchtlinge, also aus dem Osten Umgesiedelte, aber deren Kinder waren fast alle schon länger hier oder schon hier geboren und viele sprachen auch schon Bayerisch.

Auch von den Lehrern sprach nur ein Teil reines Hochdeutsch, die meisten jenes bayerisch gefärbte Hochdeutsch, das heute als ‚Beckenbauerdeutsch‘ bekannt ist. Für mich war aber vor allem wichtig, wie mich meine Mitschüler behandelten. Und die nannten mich nur ‚Preiss‘ (Preuße), oder genauer gesagt, „Saupreiss“.

Nun ist es in vielen Gegenden Deutschlands – und nicht nur Deutschlands – üblich, ‚Zugereiste‘ nicht sehr freundlich zu behandeln, damals noch mehr als heute, aber in Bayern nahm dies doch ziemliche Ausmaße an, die wohl ein bisschen mit der Geschichte zu tun haben. Auch dass die ‚Zuag’roasten‘ pauschal ‚Preußen‘ genannt wurden, hängt wohl damit zusammen.

1866 hatten die Bayern zusammen mit Österreich einen Krieg gegen Preußen geführt und schmählich verloren. Zu jenem Zeitpunkt war dies noch keine neunzig Jahre her (1866 gab es ja noch kein Land ‚Deutschland‘). Ohne einen handlungsfähigen König (das war damals Ludwig II., den man später den Märchenkönig nannte, ein Sohn des schon genannten Maximilian II., der mit dem ‚Monument‘) wurde Bayern danach praktisch in die ‚Deutsche Union‘ hinein gezwungen und musste dann vier Jahre später 1870 mit gegen Frankreich ziehen, das eigentlich traditionell ein Verbündeter Bayerns gewesen war.

Die Affinität Bayerns mit Frankreich hat sich sogar in einigen Ausdrücken niedergeschlagen, die im Bayerischen verwendet werden. In Bayern vergisst man nicht etwa seinen Regenschirm, sondern den ’Paraplü‘ und wenn man vom Auto angespritzt wird, war man nicht auf dem Gehweg, sondern dem ‘Trottoir‘. Wenn es durchregnet, tropft das Wasser nicht etwa von der Decke, sondern vom ‚Plafond‘.

Fast gegen den eigenen Willen war Bayern dann 1871 mit auf der Siegerseite und wurde so plötzlich Teil des Deutschen Reiches, das man – auf der Seele Frankreichs herumtrampelnd – in Versailles verkündete. All dies hatte im bayerischen Volk eine tiefe Abneigung gegen die Fremdbestimmung aus dem Norden hinterlassen, die zu jener Zeit noch keineswegs überwunden war (wenn sie es denn heute ist).

Ich kannte zwar nichts von der Geschichte, wusste aber, ich musste schnellstens genauso reden wie meine Kameraden. Wie lange ich brauchte? Ich weiß es nicht mehr, aber einige Zeit später, zum Zeitpunkt, an dem unsere Geschichte im Englischen Garten in München anfängt, sprach ich genauso Bayerisch – oder genauer gesagt Münchener Slang – wie sie.

Ich hatte viele Jahre immer gedacht, mein Bayerisch sei gewissermaßen als Unterabteilung des Deutschen bei mir ‚gespeichert‘. Als ich aber später Fremdsprachen lernte, merkte ich, mein Bayerisch mischte sich mit ihnen, wenn ich unkonzentriert war.

Wer mehrere Fremdsprachen spricht, kennt diesen Effekt: Wenn man müde ist oder zu viel getrunken hat, mischen sich die Fremdsprachen unbeabsichtigt. Interessanterweise tritt die eigene Muttersprache nicht oder selten in diese Mischung ein. Sie scheint an übergeordneter Stelle im Gehirn angesiedelt zu sein.

Als ich einmal im Hofbräuhaus in München schon einiges getrunken hatte und mich mit Tischnachbarn auf Bayerisch unterhalten wollte, mischte es sich plötzlich unwillkürlich mit Portugiesisch, ein hörenswerter Effekt! Erst in diesem Moment wurde mir klar: Mein Bayerisch war bereits meine erste Fremdsprache gewesen!


2. Kapitel: Englischer Garten

In jenem Mai wurde ich 10 Jahre alt und erhielt meine erste Einführung in die Sexualität. Ich lebte mit meinen Eltern in der Nähe der Maximilianstraße, gleich an der Lukaskirche im Lehel.

Heute ist dies ein besonders feines (und teures) Viertel, fast alle Wohnungen ‚luxusmodernisiert’, mit privilegierter Lage im Dreieck zwischen Innenstadt, Isar und Englischem Garten. Zu jener Zeit, in den fünfziger Jahren aber, war es ein “normales” Wohnviertel. Irgendwelche Reichen wohnten dort nicht, außer einen Block weiter, am Isarufer oder eben in der Maximilianstraße. Im Lehel waren weit mehr Häuser den Bombardierungen des 2. Weltkrieges entkommen als in der angrenzenden Münchener Innenstadt und so gab es dort relativ viele Altbauwohnungen.

Zu jener Zeit bedeutete der Begriff „Altbauwohnungen“ einen eingeschränkten Standard. Die Wohnungen, so wie unsere, hatten in der Regel Ofenheizung. Wir hatten Glück, denn unsere hatte zumindest ein Badezimmer und ein Klo innerhalb der Wohnung. Heute sind dies begehrte Altbauwohnungen mit hohen Zimmern und horrenden Mietpreisen. Eine Wohnung mit Ofenheizung dürfte dagegen im ganzen Lehel selten sein.

Ofenheizung hieß zu jener Zeit Kohleöfen (einschließlich des Küchenherdes). Als einziger Junge in der Familie musste ich im Winter jeden Tag in den Keller und ein oder zwei Bündel Holz und zwei oder drei Eimer Kohlen in den dritten Stock hinaufschleppen (natürlich hatten solche Häuser zu jener Zeit keinen Aufzug). Meistens musste ich zweimal ‚gehen’.

Morgens im Winter war das erste, was man machte, eine halbe Zeitung Papier (gut zerknüllt) und dann einen guten Packen Holz in den Ofen zu stecken und anzuzünden und dann, nach ein paar Minuten, wenn das Holz angebrannt war, Kohlen (in der Regel Eierbriketts) darauf zu füllen. Wenn man die Technik, so wie ich, gut heraus hatte, strahlte der Ofen schon nach zehn Minuten eine angenehme Wärme ab. Wir hatten nicht soviel Geld, den Ofen nachts durchbrennen zu lassen. Im Sommer reichte es, einmal pro Woche Kohlen zu holen für den Küchenherd.

Damals ging ich in die 4. Klasse Volksschule (so nannte sich die Grundschule), in diesem Falle die Herrnschule, gleich beim Hofbräuhaus, um danach, im September, in die erste Klasse ‚Oberschule’ zu kommen. Am Nachmittag musste ich unter der Woche immer zuerst die Hausaufgaben machen und konnte dann spielen gehen, um rechtzeitig zum Abendessen um sieben wieder zu Hause zu sein. Im Winter durfte ich nicht einfach bis sieben wegbleiben, sondern nur bis es dunkel wurde. Bis sieben nur, wenn meine Mutter wusste, wo ich war (normalerweise in der Wohnung bei einem Freund).

Spielen gehen, das hieß entweder sich mit anderen Kindern aus der Umgebung zu treffen oder mit dem Rad in den Englischen Garten zu fahren. Fast jeden Tag traf sich in den Anlagen vor der Lukaskirche da eine Gruppe von Kindern in meinem Alter und ging dann zum Spielen, entweder bei schlechtem Wetter in die Wohnung eines der Kinder oder bei gutem Wetter auf die Praterinsel (die Isar hat auf dieser Höhe zwei Arme mit einer Insel dazwischen), in die Gasteiganlagen auf der anderen Seite der Isar oder auf jene Landzunge, die es dort zwischen Isarkanal und Auer Mühlbach gibt. Es war sehr schön, mit den anderen Kindern zu spielen, z.B. Verstecken, Fangen (hier hieß das ‚Fangerles’), „Halli-hallo“ oder anderes, aber ich ging nicht jeden Tag zu diesen Treffen, denn ich liebte es genauso, in den Englischen Garten zu fahren.

Von unseren Wohnung aus überquerte man die Maximilianstraße und brauchte dann nur fünf Minuten mit dem Rad zum Eingang des Englischen Gartens am Ende der Wagmüllerstraße. Ich durchquerte gerne schnell den vorderen Teil des Englischen Garten, der als Parkanlage sehr gepflegt ist. Nach weiteren fünf Minuten mit dem Rad war ich schon am Kleinhesseloher See, und dahinter fängt der zweite Teil des Englischen Gartens an, der - zumindest zu jener Zeit - weit weniger gepflegt war. Dort gab es eine Menge wild wachsendes Gebüsch und stille, abgelegene Ecken. Dieser Teil nennt sich wohl Hirschau. Heute sind diese beiden Teile ja durch den „Mittleren Ring“ getrennt (von dem wir später noch hören sollen), aber den gab es damals noch nicht.

Genau in jenem Mai - nach einem langen Winter konnte man wieder ein bisschen in einer der ruhigen Ecken bleiben, ohne dass einen die Kälte gleich wieder heim trieb - entdeckte ich hier, was ich immer meinen Unterschlupf zu nennen pflegte - nur für mich selbst, denn ich erzählte niemandem von ihm.

An einem leichten Abhang inmitten von hohen Bäumen war eine große Ansammlung von wilden Gestrüpp, Buschwerk verschiedener Höhe, eng an eng, ein Durchkommen fast unmöglich. Mittendrin war eine kleine Lichtung, bewachsen mit etwas Gras, gerade groß genug für zwei Erwachsene sich nebeneinander hinzulegen. Von außerhalb der Büsche konnte man diese Lichtung nicht sehen. Nach oben hin war eine kleine Kuppe, die das Einsehen erschwerte und nach unten hin war das Gestrüpp ausgedehnt. Selbst im Winter, wenn viele der Büsche keine Blätter hatten, konnte man die Lichtung nicht erkennen. Hinter der Kuppe oberhalb der Lichtung verlief einer der Wege, die den Englischen Garten durchziehen.

Dort - nicht weit entfernt, war eine Bank, auf der ich oft gesessen hatte, denn sie lag abseits der wichtigen Radfahrwege durch den Englischen Garten und lud mich ein, dort meinen Gedanken nachzuhängen. In das genannte Gewirr von Büschen hatte ich mich schon mehrmals “zum Erkunden” begeben. Es schien mir das größte und dichteste Gesträuch im ganzen Englischen Garten zu sein.

Aber erst in diesem Mai kam ich bis zu jener Lichtung. Ich - wie auch jeder andere, der diesen Ort kennen lernte - war sofort bezaubert von der einmaligen Lage. Der Hang war ein leichter Südhang. Die Sonne schien also herein. Hier war man völlig allein. Außen herum standen hohe Bäume, die aber in Richtung Osten und Süden ein Stück Himmel frei ließen, so dass sich der Unterschlupf an schönen Tagen erwärmte, während man dann am Nachmittag im Halbschatten des Kronendaches saß.

Man schien fast von der Außenwelt abgeschlossen, wenn man sich hinsetzte. Ein Gefühl der Isolation von der Welt. Niemand konnte einen hier sehen. Man selbst, wenn man aufstand, konnte über die Büsche hinweg eine große Wiese sehen, die dort unten ein leichtes Tal bildete. Der nächste Weg in dieser Richtung war vielleicht 300 - 400 Meter entfernt, kaum zu erkennen.

Wenn man sich hinsetzte in der Lichtung, verschwand auch diese Wiese aus dem Blickfeld. Am Horizont waren die Türme der Ludwigskirche zu sehen und, wenn man gute Augen hatte, so wie ich, noch weiter weg, die der Theatinerkirche. Später hätte sich von diesem Ort aus vor allem das schwarze Hochhaus am Feilitzschplatz in den Blick geschoben, aber das gab es damals noch nicht – während es heute bereits wieder einem Neubau gewichen ist. Mein Unterschlupf war noch jenseits des Feilitzschplatzes, grob geschätzt etwa auf der Höhe des nördlichsten Teils des Nordfriedhofs, nicht weit entfernt von der Ungererstrasse (auf die Aschenbach nach seinem Spaziergang durch den Englischen Garten tritt).

Die Faschisten hatten den Platz in “Danziger Freiheit” umbenannt, nach dem Krieg hieß er dann “Münchener Freiheit”, aber für die Münchener war er damals immer noch der Feilitzschplatz.

Im Unterschlupf konnte man hören, wenn sich jemand annäherte, lange bevor er nahe kam. Das Scharren an den Sträuchern, an denen derjenige sich entlang schob, das Rascheln der Blätter und das Knacken von zertretenen Ästchen verrieten ihn. Man war ja hier entfernt vom Lärm der Großstadt und das wesentlichste Geräusch war das Rauschen der Bäume im Wind. Dies gab einem die beruhigende Sicherheit, man war völlig allein. Allerdings zog es auch magisch Leute an. Ich bemerkte bald, ich war nicht der Einzige, der diese Lichtung kannte.

Es war äußerst mühsam, zum Unterschlupf zu gelangen. Ein Erwachsener mit langen Hosen (oder langem Rock, und kurze Röcke trugen die Frauen noch nicht) konnte sich mit Kraft durch die Büsche schieben, allerdings immer in Gefahr, sich einen Triangel in die Hose zu reißen. Für einen kleinen schmalen Jungen aber war das komplizierter. Denn etwa ab Mai war kurze-Hosen-Zeit, d.h. ich bekam meine Winter-Leder-Knickerbocker ausgetauscht gegen die Sommer-kurze-Lederhose.

Entsprechend bayerischer Tradition trugen viele Jungen (Buben heißt das hier) zu jener Zeit Lederhosen. Die waren zwar teurer als andere Hosen, aber so brauchte man nur eine Hose für den Sommer und eine für den Winter. Lederhosen zerrissen nicht und bekamen keine Löcher. Ab und zu wurden sie mit einer nassen Bürste behandelt, aber im allgemeinen ließ man sie einspecken, erst dann waren sie richtig.

Mit der kurzen Hose durch das dichte Gebüsch, das war nur extrem langsam möglich, man hätte sich sonst die Beine blutig geschrammt. Also kroch ich am Boden entlang. Allerdings brauchte ich so doch eine ganze Zeit, um auf diese Weise zum Unterschlupf zu kommen. Daher fing ich an, Äste und Zweige abzubrechen und Steine, Laub und Ästchen beiseite zu räumen und schuf mir so eine Art Kriechtunnel vom Tal her durch die Büsche bis zum Unterschlupf. Von oben her wäre er kürzer gewesen, aber dort war der Weg, auf dem oft Leute gingen. Ich wollte nicht gesehen werden und es sollte auch niemand meinen Tunnel entdecken. Mit dem Fahrrad fuhr ich bis zu jener Bank, schob es dann den Berg hinunter an den Büschen entlang bis zum unteren Ende des Buschwerks, ließ es dort, wo es niemand sah und war auch schon am Anfang meines Tunnels.

An einem schönen Nachmittag in jenem Mai, als ich mich durch den inzwischen fast fertiggestellten Tunnel an meinen Unterschlupf heran schlich, sah ich, kurz bevor ich ankam: Er war besetzt. Ein Pärchen hatte sich dort breit gemacht. Ich war enttäuscht, stand auf und dachte: “Heute ist nichts mit meinem Unterschlupf.” Das Auftauchen des kleinen Jungen da, so nah und plötzlich für das Paar, ohne dass sie die Annäherung gehört hätten, hatte einen für mich überraschenden Effekt: Die beiden erhoben sich, packten ihre Sachen und zogen ab. So sehr dieser Ort einen anzog, weil man hier, mitten in München in einer belebten Parkanlage, unter sich war, so sehr verlor sich dieser Zauber, wenn man entdeckte, jemand konnte sich annähern, ohne bemerkt zu werden. Wenn es denn ein öffentlicher Ort war, so konnte man ebenso gut auf einer Parkbank turteln und brauchte sich nicht die Beine zu zerschrammen oder die Hosen zu zerreißen.

Diese Entdeckung fand ich ausgezeichnet: Ich konnte die Leute vertreiben, wenn mein Unterschlupf besetzt war! Ich baute jetzt meinen Tunnel noch etwas aus. So konnte ich mich fast immer lautlos annähern. Den letzten Teil des Tunnels gestaltete ich so, dass ich bis etwa zwei Meter an den Unterschlupf herankam, ohne vorher gesehen zu werden. Wenn ich dort, fast unmittelbar zu den Füßen der Eindringlinge, wie aus dem Nichts auftauchte, war der Effekt überwältigend: Wer auch im Unterschlupf war, zog indigniert ab.

Allerdings verursachte ich bei der Annäherung manchmal auch ungewollt Geräusche und die Insassen des Unterschlupfs wurden aufmerksam, bevor ich ganz nahe gekommen war. In diesem Fall stand ich einfach auf, tat so, als hätte ich nie zu jenem Ort wollen und schob mich langsam zur Seite durch die Büsche.

Was die Grenzen meiner Vertreiberei waren, lernte ich aber auch bald. Als ich mich ein anderes Mal annäherte und sah, es war besetzt, wollte ich abermals meine Vertreibetaktik anwenden. Aber im letzten Moment, bevor ich aufstand, sah ich, wer da im Unterschlupf war: Eine Frau aus unserer Nachbarschaft saß da, eine Bekannte meiner Mutter, und hing ihren Gedanken nach. Ich erstarrte in der Bewegung, war aber bereits zu nah. Sie musste mich sehen, sobald sie her sah. Sie würde meiner Mutter erzählen, was ich da machte! In diesem Moment sah sie auch schon zu mir her.

Mir schoss es durch den Kopf: Ob die Erwachsenen das hier als “schweres Verbrechen” ansahen? Es ist ja für ein Kind fast unmöglich, sich in der Gedankenwelt der Erwachsenen auszukennen. Manchmal wird es hingenommen, wenn man tat, was ausdrücklich verboten war und manchmal wird man bestraft für Taten, die man für erlaubt gehalten hatte.

Auch die Abstufung der Intensität der Vorbote war völlig undurchsichtig. Manches war verboten, aber nicht allzu sehr, anderes wurde als „Untat“ angesehen, obwohl sich niemand die Mühe gemacht hätte, einem eine Liste mit den „Untaten“ zu übergeben, damit man sich orientieren konnte.

Ich erinnerte mich sehr gut der härtesten Bestrafung, die ich bisher kennengelernt hatte. Das war etwa eineinhalb Jahre her. Ich hatte mit meiner Freundin Rita, wie so häufig, in der Innenstadt - wir wohnten damals noch in Untermiete in der Innenstadt - auf einem der Trümmergrundstücke gespielt, die es dort zu jener Zeit ja ausreichend gab (das war natürlich auch verboten, aber niemand hatte uns die Geschichte mit den Blindgängern erklärt und so achteten wir eben darauf, nicht erwischt zu werden).

München Mai 1945 Dom

Dort konnte man sich so schön hinter Trümmerhaufen verstecken. Diesmal hatten Rita und ich uns gegenseitig angeguckt, wie wir 'da unten' aussahen und wie wir pinkelten. Zwar hatte ich eine dumpfe Ahnung, die Erwachsenen würden diese Art von Spiel nicht gerne sehen, aber ich konnte unmöglich wissen, dies war ein “Kapitalverbrechen”.

Rita noch viel weniger. Sie erzählte ihrer Mutter von unserem Spiel. Da brach der Sturm los. Wir wurden in intensive Verhöre genommen. Rita wurde fürchterlich verprügelt und bekam eine Ewigkeit Hausarrest. Ich wurde mit Liebesentzug durch meine Mutter bestraft, der mir auch ewig vorkam. Wir durften nie wieder miteinander spielen. Ich sah Rita nur noch von weitem.

Jetzt hatte ich Angst, eventuell wieder auf eine dieser Tretminen gestoßen zu sein, die für uns Kinder ausgelegt waren. Doch dann geschah das Unglaubliche: Die Frau schaute wieder weg, sie hatte mich nicht gesehen, obwohl unsere Gesichter vielleicht nur vier Meter voneinander entfernt waren! Ich schob mich leise rückwärts davon.

Später probierte ich aus, warum sie mich nicht gesehen hatte. Ich stellte dort, wo mein Gesicht gewesen war, mein Schulheft auf (ich kam hier öfters her, um mich auf die Schule vorzubereiten) und setzte mich in den Unterschlupf. Tatsächlich war das weiße Papier von da nicht zu erkennen. Dort waren einige jener Büsche, die auch im Winter die Blätter nicht verlieren und deren Blätter glänzten. Sie spiegelten das helle Tageslicht wider. Dadurch verschwand etwas Helles dort zwischen den Umrissen der Blätter. Dazu kam das Spiel des Schattens der Baumkronen, das die Formen weiter verwischte.

Damit hatte ich entdeckt, was ebenso interessant war wie das Vertreiben: Ich konnte dort aus der Nähe Personen beobachten, ohne bemerkt zu werden. Ich hatte allerdings zunächst nicht die geringste Vorstellung, wozu das gut sein sollte. Was sollte an Personen beobachtenswert sein?


3. Die junge Frau

Wenig später, das muss etwa Ende Mai/Anfang Juni gewesen sein, kam ich dahinter. An diesem Tag begann meine Einführung in die menschliche Sexualität. Ich war dabei mich dem Unterschlupf anzunähern und konnte erkennen, es war wieder besetzt.

Ich schlich also leise und langsam weiter, um zuerst zu erkennen, wer dort war, bevor ich meine Vertreibetaktik anwandte. Es war eine Heranwachsende, für mich schon fast eine Erwachsene. Allerdings glaubte ich sie zu kennen. Jedenfalls hatte sie eine Ähnlichkeit mit einer früheren Spielkameradin von mir. In Wirklichkeit war sie deutlich älter als ich und es war extrem unwahrscheinlich, hier diese Spielkameradin zu treffen, aber ich war unschlüssig darüber und verharrte in jener Position, in der sie mich nicht sehen konnte und wusste nicht, ob ich es wagen sollte, sie zu vertreiben oder mich lieber zurückziehen.

Doch dann enthob sie mich der Entscheidung, denn was ich jetzt zu sehen bekam, fesselte meine Aufmerksamkeit. Sie griff sich unter die Bluse. Sie hatte keinen BH an oder ihn schon abgenommen. Mit der linken Hand griff sie zur rechten Brust und schob dabei die Bluse hoch. Ich, der ich von unten guckte, sah jetzt ihre linke Brust im Profil. Weibliche Brüste sind bekanntlich nicht gerade ein häufiger Anblick für zehnjährige Jungs - damals noch weniger als heute. Ich hatte zwar schon einmal die Brüste meiner Mutter gesehen, aber sie hatte mir einen bösen Blick zugeworfen, ich solle wegschauen. Um so interessierter war ich jetzt.

Das Profil der Brust jener jungen Frau war ein perfekter Halbkreis, in der Mitte gekrönt von einem kleinen weiteren Halbkreis - dem Warzenhof - aus dem dann die Brustwarze hervorstach. Ihr Warzenhof und die Warze waren ganz dunkel, bildeten einen starken Kontrast zur rosa Haut und weißen Bluse, was mich faszinierte.

Diese Brust schien mir unendlich schön. Sie begann ihre Brust in langsamen, kreisförmigen Bewegungen mit den Fingerspitzen zu streicheln. Dann streichelte sie mit Mittel- und Zeigefinger den Warzenhof, so dass die Brustwarze bei jeder Aufwärtsbewegung zwischen beiden eingeklemmt wurde. Dort angekommen drückte sie jedesmal die Finger etwas zusammen, was mit einer leichten Bewegung des Oberkörpers verbunden wurde.

Dann drückte sie mit der Kuppe des Mittelfingers mitten auf die Brustwarze, ziemlich heftig und mehrmals, um dann wieder zum kreisförmigen Streicheln zurückzukehren. Jetzt fuhr sie sich mit der ganzen Innenfläche der Hand über die Brust, hinauf und herunter und begann dann wieder mit dem Warzenhof. Gleich danach ging sie zur anderen Brust über. Ich konnte nicht mehr so gut sehen, was sich tat, aber nachdem sie wieder zur rechten Brust zurückgekehrt war, hatte sich die Bluse schon so hoch geschoben, das beide Brüste zu sehen waren. Zunächst hatte sie wie unbeteiligt in die Ferne geschaut, doch jetzt schloss sie die Augen.

Was ich da sah, bezauberte mich, die Zartheit und Weichheit der Brust, die unter dem Druck der Finger nachgab. Was immer da vor mir vor sich ging, es war wunderbar! Sie streichelte eine Zeit lang weiter und, als ich mich schon fragte, warum sie nicht die zweite Hand für die andere Brust zu Hilfe nahm, sah ich auch schon, wofür die zweite Hand vorgesehen war: Sie griff mit der rechten Hand nach unten.

Sie zog leicht die Beine an, schob den Rock etwas hoch und griff sich ins Höschen. Zu jener Zeit war die Jeans noch nicht verbreitet in Deutschland. Frauen hatten meist Röcke oder Kleider an. Ich hatte einigermaßen eine Vorstellung über das, wohin sie dort griff, denn ich hatte die weibliche Vulva schon bei meiner kleinen Schwester gesehen, wenn sie gewickelt wurde und auch bei Rita.

Da war eine Art von Mund, nur senkrecht, mit zwei ‚Lippen‘, zwischen denen ein kleiner Hautlappen zu sehen war und das Pipi herauskam.

Genaueres wusste ich darüber nicht, hatte aber eine Vorstellung, wie dieser Mund in dem Höschen platziert war, in dem ich ihre Hand sich jetzt bewegen sah. Sie konzentrierte sich auf einen Punkt etwa in der Mitte oder etwas oberhalb der Mitte der Öffnung zwischen den Lippen. Dort machte sie drei verschiedene Arten von Bewegungen: Eine Hin- und Her-Bewegung, die man auch als kreisförmige ansehen könnte, ganz leicht und schnell, eine Auf- und Ab-Bewegung, die deutlich stärker und langsamer war, und eine Hinein- und Heraus-Bewegung, die offenbar mit Druck verbunden und noch langsamer war.

Diese Bewegungen machte sie offensichtlich mit der Spitze des Mittelfingers an jenem kritischen Punkt, bewegte aber die ganze Hand. Von Zeit zu Zeit unterbrach sie diese Bewegungen und fuhr sich mit der ganzen Hand, offenbar den Mittelfinger zwischen den Lippen, die ganze Vulva bis nach hinten und wieder nach vorne.

Dann kam eine starke, fordernde Bewegung: Sie schloß für einen Moment die Hand und drückte damit die Lippen und den kleinen Hügel über der Vulva zusammen. Danach kehrte sie wieder zu den Bewegungen am kritischen Punkt zurück.

Sie öffnete jetzt ihren Mund und fing an, deutlich hörbar zu atmen. Nach einiger Zeit wurde jeder Atemzug mit einem kleinen “Ha” verbunden, so als ob sie Schmerzen hätte. Sie öffnete die Beine stärker und begann die Bewegungen im Höschen mit Gegenbewegungen des Unterkörpers zu verstärken. Die streichelnden Bewegungen an der Brust wurden stärker, mehr drückend und reibend, wobei sie den Oberkörper leicht anhob, die Brust gegen die Hand drückend.

Im Höschen wurde die leichte Hin- und Her-Bewegung jetzt rasend schnell, die Hinein- und Heraus-Bewegung deutlich verstärkt und die Bewegung durch die Vulva nach hinten und vorne weit heftiger, mit Unterleibsbewegungen noch weiter verstärkt. Statt nur den Mittelfinger schien sie jetzt Zeige- und Mittelfinger zusammen zu benutzen. Die heftige Schließbewegung der Hand wurde häufiger.

Ihr ganzer Körper wand sich nun, sie bewegte Ober- und Unterkörper jeweils gegen die drückende und reibende Hand. Die “Ha” wurden lauter, immer noch zu leise, um am Weg hinter der Kuppe gehört zu werden, aber für mich doch beeindruckend laut.

Die ganze Choreographie, die ich da sah, war so unendlich anziehend für mich, so zart und doch so heftig, wie sie sich behandelte, die geschlossenen Augen, der geöffnete Mund, die Bewegungen des Körpers, die das Ganze begleiteten, alles schien mir wie ein Tanz, extra für mich inszeniert.

Nach einer ganzen Zeit in diesem Rhythmus der Bewegungen und Laute, den ich mit steigender Faszination beobachtete, änderte sich erneut das Muster.

Die Bewegungen wurden jetzt noch stärker und dabei fahriger, die perfekte Synchronisierung von Handbewegungen und Körper-Gegenbewegungen kam aus dem Gleichgewicht, die feinen und zarten Bewegungen hörten ganz auf und statt dessen kamen mehr stark drückende und heftig reibende Bewegungen, die Füße hoben vom Boden ab und zappelten in der Luft, der ganze Körper spannte und entspannte sich im schnellen Rhythmus, die Beine schlossen und öffneten sich in rascher Folge und dann, als eine weitere Verstärkung kaum mehr möglich schien, warf sie den Kopf nach hinten, den Oberkörper vom Boden abhebend und schnappte lange und tief und laut hörbar nach Luft wie eine Ertrinkende, um dann in dieser Stellung plötzlich in der Bewegung zu erstarren.

So blieb sie eine lange Zeit, ganz still. Ich konnte nur ein leichtes Reiben mit dem Mittelfinger am kritischen Punkt als einzige Bewegung erkennen. Dann begann sie langsam und intensiv auszuatmen und ließ den hochgebäumten Körper in sich zusammenfallen. Sie rollte zur Seite, zog die Beine an, beide Hände immer noch an den bewussten Stellen.

Jetzt lag sie da auf der Seite, zusammengerollt wie ein Embryo, und ich vermutete eine weiterhin leichte Bewegung ihrer Finger dort. So blieb sie lange liegen und atmete immer noch hörbar.

Offensichtlich war der “Tanz” vorüber und ich begann mich langsam davonzumachen. Ich hatte nicht die geringste Lust, jetzt von ihr erwischt zu werden, denn sie war sicher nicht hierher gekommen, um dabei beobachtet zu werden.

Ich fühlte mich leicht und glücklich. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich da gerade gesehen hatte, aber ich war froh. Was auch immer sie da gemacht hatte, sie tat es, weil sie es wollte und weil es schön war, darüber gab es für mich keinen Zweifel. Ihre “Schmerzenslaute” hatten mit Sicherheit nichts mit Schmerzen zu tun, sondern mit Glück.

Ganz offensichtlich handelte es sich um eines von diesen Erwachsenengeheimnissen. Aber es war angenehm zu wissen, daß Erwachsene so etwas Schönes tun konnten. Es war ja zu erwarten, ich würde das auch eines Tages tun können.

Kurze Zeit danach machte ich eine andere Entdeckung: Das Buschwerk vor dem Unterschlupf nach unten, zur Wiese hin, war doch nicht völlig geschlossen. Es gab ein kleines “Fenster”, eine Öffnung, die auf die Wiese auf der anderen Seite des Tales “zielte”.

Wenn man dort, etwa zweihundert bis dreihundert Meter vom Unterschlupf entfernt, in die Büsche hinein guckte, konnte man sehen, ob besetzt war. Es war nicht zu erkennen, ob dort eine oder zwei Personen waren, geschweige denn wer, aber man konnte einen kleinen Punkt von anderer Farbe als das Grün sehen. Diese neue Entdeckung sparte mir viel Zeit. Jetzt konnte ich, wenn nicht besetzt war, so schnell wie möglich durch meinen Tunnel kriechen, ohne darauf zu achten, keine Geräusche zu verursachen.

Wenn besetzt war, konnte ich entscheiden, ob ich heute Lust hatte zu beobachten oder zu vertreiben oder ob ich lieber etwas anderes tun wollte, z.B. Radrennen mit mir selbst fahren auf einer Art von natürlichen Radrennbahn, die es auch hier in der Nähe gab.

Jetzt näherte ich mich meinem Unterschlupf nicht mehr vom oberen Weg an, sondern von jenem anderen Weg, hinter dem Tal, überquerte die Wiese, mein Rad schiebend, kam am Punkt mit dem Besetztzeichen vorbei und schob dann das Rad zum unteren Ende des Buschwerks weiter, wenn ich dorthin wollte.


4.“Druecken“

Etwa zu dieser Zeit, als ich das Besetztzeichen entdeckte, war die nächste Lektion meiner Einführung in die Sexualität fällig: Ich sah ein Mädchen drücken. Es war auf einem Kinderspielplatz, jene Art von Kinderspielplatz, wo es Gerüste zum Klettern gab.

Das Mädchen war wohl etwas jünger als ich. Sie griff auf einem Gerüst mit der Hand eine der waagrechten Stangen und führte dann ihren Körper darüber, bis die Hand genau zwischen ihren Beinen war. Dann balancierte sie das Körpergewicht vollständig über diese Stelle, sich mit der anderen Hand an einer Stange im Gleichgewicht haltend. Sie drückte jetzt mit aller Kraft und dem ganzen Körpergewicht gegen jene Stelle zwischen ihren Beinen, wo die Hand war, ließ jenes kleine Grunzen hören, das man macht, wenn man mit geschlossenem Mund drückt, hielt die Luft an und wurde ganz rot im Gesicht.

Es war für mich leicht zu erkennen: Die gedrückte Stelle am Körper war die gleiche, welche die junge Frau im Unterschlupf mit Vorliebe bearbeitet hatte. Zwar wurden unterschiedliche Techniken angewandt, aber es musste sich um dieselbe Sache handeln. Sie machte dies offensichtlich auch, weil es schön war.

Ich beobachtete sie fasziniert. Nach einiger Zeit musste sie deutlich hörbar Luft holen, kletterte dann ein bisschen auf dem Gerüst, um sich kurz danach wieder in Position für das Drücken zu bringen und drückte erneut. Dann plötzlich kam eine Frau, offensichtlich ihre Mutter, packte sie mit einer fast gewalttätigen Bewegung und schleppte sie von dort weg. Leise sagte sie zu ihr:

“Das gehört sich nicht!”

und die grobe Aktion stand in befremdlichen Gegensatz zur leisen Stimme. Die Mutter war anscheinend beschämt über das, was ihrer Tochter gemacht hatte, noch dazu vor den Augen eines Jungen. Ich habe das Mädchen nie wieder auf diesem Spielplatz gesehen.

Kurz danach machte ich eine für mich sensationelle Entdeckung: Eine meiner Spielkameradinnen, Lilli, drückte auch! Sie tat es genauso wie das Mädchen, das ich gesehen hatte, und nutzte dazu die verschiedensten “Auflagepunkte”.

Es ging an den Handläufen der Wege, die den Gasteigberg hinauf führten, an den Geländern der Isarbrücken und der Brücke über den Auer Mühlbach, an verschiedenen Holzpfosten, die es da gab, kurz, sie war außerordentlich einfallsreich. Einmal sah ich sie, in ihrer Wohnung, auf der Rückenlehne eines Sessels drücken.

Ich beobachtete sie gerne dabei. Lilli war ein hoch aufgeschossenes, langbeiniges Mädchen, schlank, fast dürr und sehr drahtig und sportlich. Sie hatte strahlend blaue Augen und lange, blonde Haare. Ich bewunderte sie und ich bemerkte, sie ließ mich gerne dabei zusehen.

Unsere ‚Spielgruppe’ war zusammengesetzt aus bis zu fünf Jungen und sechs Mädchen. Manchmal trafen sich alle, manchmal nur die Mädchen und einige der Jungen.

Die Mädchen waren zwischen acht und zwölf Jahre alt. Lilli war schon zwölf. Viviane, die viel später meine Freundin wurde, war erst acht. Die Jungen waren alle eine Klasse über mir, also etwas älter als ich. Zu jener Zeit häuften sich die Streitigkeiten in unserer Spielgruppe. Beim Verstecken konnte man immer darüber streiten, wer zuerst “angeschlagen” hatte.

Dann gab es jenes andere Spiel „Hallihallo!“, bei dem sich derjenige umdrehen und den Ball nach oben werfen und wieder auffangen musste. Die Anderen konnten sich währenddessen annähern, doch wenn er sich wieder zu ihnen drehte, durfte keine Bewegung mehr zu sehen sein. Wer ihn zuerst erreichte, hatte gewonnen, aber wer beim Bewegen erwischt wurde, musste ausscheiden. Man konnte ewige Diskussionen darüber führen, ob derjenige nun noch eine Bewegung gesehen hatte oder nicht.

Tatsächlich wurde fast mehr diskutiert als gespielt.
Die Diskussionen interessierten Lilli meistens nicht. Sie hielt sich etwas abseits und drückte. Ich begann auch, die Diskussionen beiseite zu lassen und beobachtete sie.

Die Jungen begannen mehr und mehr handgreiflich zu werden in den Diskussionen. Die Mädchen zogen sich zurück.

Schließlich, nach einigen Vorfällen mit blutigen Nasen und Tränen, wollten die Mädchen nicht mehr mitmachen.

Unsere Spielgruppe war auseinander gefallen, in eine der Jungen und eine der Mädchen. Nur mit einer Besonderheit: Ich war bei den Mädchen! Ich fühlte mich stolz, ich war nicht so “deppert” (dumm) wie die anderen Buben.

Die benutzten ab sofort nur noch abschätzige Worte über Mädchen (und wahrscheinlich auch über den Jungen, der bei den Mädchen geblieben war), aber ich fand, die Mädchen hatten recht.

Ich hatte sowieso keine Chance, es mit einem der Jungen aufzunehmen, die waren alle größer und deutlich stärker als ich - und außerdem konnte ich so Lilli weiter beim Drücken beobachten.

Später, als ich mit Viviane befreundet war, sprachen wir ausführlich über jene Zeit, als wir klein waren und was alles so vorgefallen war.

“Warum du zusammen mit uns in der Gruppe bleiben durftest, in der ja sonst nur noch Mädchen waren, hing mit Lilli und dem Drücken zusammen. Sie sagte nämlich, das schöne Gefühl, das man beim Drücken bekam, würde noch schöner, wenn ein Junge zuguckte. Und du gucktest ja immer zu. Sie hat uns allen beigebracht, wie man drückte. Ich habe zwar keinen Unterschied bemerkt, ob du zugucktest oder nicht, aber Lilli verlangte von uns allen, wir sollten bestätigten, es sei dann schöner.

Nach unseren Spielnachmittagen, wenn du schon nach Hause gegangen warst, hat Lilli mit uns oft noch eine “Lagebesprechung” abgehalten. Alles wurde dann in schöner Offenheit besprochen. Wenn du dann am nächsten Tag wieder dabei warst, taten wir ganz unschuldig.“

Tatsächlich bemerkte ich, wie nun nacheinander auch die anderen Mädchen zu drücken anfingen. Ich war entzückt und war nun oft mit den Mädchen zusammen. Es wurde keineswegs etwa nur gedrückt. Wir spielten viele Spiele zusammen. Aber zwischendurch wurde immer mal wieder eine Drückpause eingelegt.

“Es war Herta, die jüngere Schwester von Lilli, die als erste entdeckte, das man das schöne Gefühl noch steigern konnte, wenn man den Druck rhythmisch verstärkte und verringerte. Sie zeigte uns, wie es geht: Man musste die Hinterbackenmuskeln abwechselnd anspannen und entspannen.

Übrigens: Du erinnerst dich vielleicht noch daran, da noch ein sechstes Mädchen war, das meistens mit uns zusammengewesen war, Eva. Sie hatte zuerst auch beim Drückenlernen mitgemacht, dann aber Zweifel bekommen und versuchte uns abzuhalten. Sie sagte, das sei Sünde, Todsünde sogar.

Trotzdem machte sie eine Zeit lang mit. Als wir dann aber entdeckten, wie man das Ganze noch schöner machen kann, benahm sie sich ganz komisch. Sie machte es viel länger als wir, atmete dabei, sogar laut hörbar, sie seufzte, hörte gar nicht mehr auf, und wenn sie dann aufhörte, stöhnte sie laut und war ganz verwirrt.

Offenbar konnte sie damals schon zum Orgasmus oder jedenfalls zu einer starken sexuellen Erregung kommen. Sie war etwa so alt wie Lilli und war wohl schon weiter körperlich entwickelt als wir. Sie stellte uns dann das Ultimatum, wir sollten damit aufhören oder sie würde nicht mehr mit uns spielen. Wir lachten sie aber nur aus, weil sie es ja am intensivsten machte. Tatsächlich setzte sie sich zu diesem Zeitpunkt dann von uns ab.“

Mir war ebenso wie den Mädchen klar, die Erwachsenen würden dieses Drücken der Mädchen nicht gerne sehen. Wahrscheinlich sahen sie es sogar als ‚Verbrechen‘ an, obwohl niemand wusste warum.

Da gab es ja auch noch das Verbot der Kirche. Von klein auf war ja der Bereich ‚da unten’ als Tabubereich gekennzeichnet worden. Die Mädchen durften dort überhaupt nicht hinfassen! Bei uns Jungens war es nicht ganz so schlimm, denn wir mussten uns 'ihn' ja grabschen, wenn wir pinkeln wollten. Trotzdem wussten wir auch ganz genau: Da unten ist ‚Nein! Nein!‘.

Andererseits war man als Kind aber gewohnt, immer wieder Dinge tun zu wollen und zu tun, die verboten waren. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen!

So sah ich jetzt öfters fünf Mädchen vor mir aufgereiht, mit einer Hand abgestützt und diese Hand zwischen den Beinen, drückend an einem Geländer, alle mit zuckenden Hintern. Damit die viele Drückerei mehr kaschiert wurde, erfanden wir jetzt das “Schwebespiel”.

Wer am längsten, abgestützt mit nur einer Hand auf irgend etwas, schweben konnte, d.h. mit den Füßen vom Boden abheben, hatte gewonnen. Ich musste in der Regel Schiedsrichter sein, wozu ich ja logischerweise zuzugucken hatte.

Etwas später setzte ich noch einen oben drauf und behauptete, ich müsse mich auf den Boden legen, um genauer sehen zu können, wer zuerst den Boden berührt - und legte mich auf den Rücken! Es war ja offensichtlich: der behauptete Zweck konnte so nicht erreicht werden, aber die Mädchen akzeptierten es.

Jetzt lag ich also auf dem Rücken zwischen zwei der “schwebenden” Mädchen und konnte so unter ihre Röcke sehen! Es war ja Sommer und sie hatten nur ein Höschen und einen Rock oder ein Kleid an. Jetzt sah ich also zwei der zuckenden Hintern jeweils in voller Pracht und es gefiel mir außerordentlich.

Lilli, als die, die in der Gruppe “angab”, verstand es dabei regelmäßig, sich oder mich so zu platzieren, daß sie eine von den beiden war, denen ich unter den Rock sah.

Nie vorher hatte ich eine so anregende, aufregende und wirklich wunderschöne Sache gesehen (mit Ausnahme natürlich der jungen Frau im Unterschlupf), die kleinen Mädchenhintern, die sich anspannten und entspannten und die Vorstellung, dass die Mädchen da jetzt etwas ganz Angenehmes erleben. Ich war fasziniert und stellte mir vor, wie es wäre, diese Hintern anzufassen.


5. Im Unterschlupf

Das nächste Kapitel meiner Einführung in die menschliche Sexualität fand wieder im Unterschlupf statt: An jenem Tag, es war Anfang Juli, wollte ich erneut dorthin und fand das Besetztzeichen an. Ich schlich mich wieder an.

Ich sah, es war ein Paar, das ich nicht kannte und das sich küsste. Ich wollte schon aufstehen, um sie zu vertreiben. Mir war es, wie den meisten Kindern, nicht klar, was die Erwachsenen am Küssen auf den Mund finden konnten. Für mich war das immer eine unangenehme Sache, wenn eine Tante oder Verwandte einen küsste, weil man sich hinterher das Feuchte von der Backe wischen musste. Küssen auf den Mund war direkt eklig. Man musste sich die Spucke jener Person vom Mund wischen, bevor sie in den Mund kommen konnte.

Erwachsene zu beobachten, die sich intensiv auf den Mund küssten, eventuell sogar den Mund aufmachten dabei, war also keineswegs angenehm, eher befremdend.

Bevor ich aber aufstehen konnte, sah ich, er griff ihr in die Bluse und begann, ihre Brust zu streicheln. Ich blieb also in meiner Beobachtungsposition und wartete, was es noch zu sehen gäbe. Er hatte die Bluse noch nicht geöffnet. Ich konnte so nicht genau sehen, was er dort machte, aber er schien die Brust mehr zu kneten als zu streicheln. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, wie das jenen angenehmen Effekt hervorrufen sollte, wie es das Streicheln bei der jungen Frau tat, die ich hier gesehen hatte.

Dann, das hatte ich fast schon erwartet, griff er ihr unter den Rock und ins Höschen. Er hatte ihren Rock ein wenig hoch geschoben und sie ihre Beine ein wenig geöffnet. Ich konnte von unten wieder sehen, was sich da in ihrem Höschen tat.

Er rieb, offenbar mit dem Zeige- oder Mittelfinger, in ihrer Vulva auf und ab. Ab und zu blieb er an einem Ort weit hinten in der Vulva. Den kritischen Punkt, die ich ja inzwischen schon kannte, weiter oben in der Vulva, ließ er völlig unbeachtet.

Mehrmals ging er mit der Hand ganz nach hinten in der Vulva, und mir war es nicht klar, wohin seine Finger jetzt verschwunden waren. Er konnte doch unmöglich mit den Fingern an ihren Hintern gefahren sein?

Jedenfalls bezweifelte ich, ob die Frau ähnlich angenehme Gefühle bekam wie die junge Frau, die ich gesehen hatte. Ob sie tiefer und lauter atmete, konnte ich nicht feststellen, da die beiden sich weiterhin küssten. Nach einiger Zeit nahm der Mann die Hände aus dem Höschen und aus der Bluse. Ich konnte nichts von jener Atemlosigkeit bei dieser Frau feststellen, die ich bei jener jungen Frau gesehen hatte. Warum hatte der Mann aufgehört?

Jetzt war offenbar die Frau dran, bei ihm schöne Gefühle zu erzeugen. Sie öffnete seine Hose, zog sie, zusammen mit der Unterhose, ein wenig herunter, und zum Vorschein kam - ein Riesenapparat!

Ich hatte schon gesehen, wie bei erwachsenen Männern der Penis aussah. Ich ging öfters Schwimmen ins Müller’sche Volksbad, ein Hallenbad gleich auf der anderen Seite der Isar. Dort hatte ich mir in diesem Winter selbst das Schwimmen beigebracht. Unter der Männerdusche konnte man dort als Junge die erwachsenen Männer sehen, wenn sie ihre Badehose auszogen, um sich zu waschen. Da hingen in einer Unmenge von Haaren, drei Eumel, der vordere etwas länger, die beiden hinteren runder. Ich hätte nicht im Traum mit vorgestellt, wie der vordere (ich wusste natürlich, das war der Penis) sich zu solcher Größe aufraffen konnte.

Zwar hatte ich bei mir schon bemerkt, er wurde ab und zu hart und etwas größer, ohne dass ich irgend etwas dazu tat, aber das war ja absolut nicht zu vergleichen mit dem, was ich hier jetzt sah. Es war ja offensichtlich: Das Ding, so riesig, wie ich es jetzt sah, war extrem unhandlich und passte in keine Hose mehr. In natürlicher Stellung stand er schräg nach oben und ging diesem Mann bis fast zum Bauchnabel.

Sie begann ihn jetzt zu reiben, immer rauf und runter, oder genauer, die Haut rauf und runter zu schieben. Der Mann begann lauter zu atmen und sich zu bewegen. Ich merkte schon, so war es offenbar, wie ein Mann ein schönes Gefühl bekam. Sie rieb immer schneller und der Mann zeigte alle Anzeichen der Erregung, wie ich sie bei jener jungen Frau gesehen hatte. Die Frau bog ihn im rechten Winkel vom Körper des Mannes ab, der jetzt auf dem Rücken lag, die Augen geschlossen hatte, den Körper bewegte und den Kopf zwischen die Schultern zog.

Einen Arm hatte er um die Frau gelegt und begann sie jetzt heftig zu drücken. So ging es eine ganze Zeit. Dann sah ich, wie er in der Bewegung erstarrte, ganz ähnlich wie bei jenem Mädchen. Gleich darauf schoss eine Flüssigkeit aus seinem Phallus, der, weil er am Hang lag, leicht nach unten zeigte. Die ersten Tropfen wurden weit heraus geschleudert und landeten kurz vor mir im Gebüsch. Weitere Tropfen sah ich auf seinem Hosenbein ankommen und mehr Flüssigkeit quoll jetzt aus seinem Penis und lief an ihm herunter.

Die Frau ließ ihn nun los und ich erwartete, der Mann würde jetzt, ähnlich wie jene junge Frau, ausführlich geniessen, was es denn da zu genießen gab.

Statt dessen erhob er sich, zog sich an, sagte kurz etwas zu ihr und beide packten ihre Sachen und machten sich davon. Was war los? Ob sie mich gesehen hatten? Nein, es gab keinerlei Anzeichen dafür. Aber wieso war es bei ihm so schnell vorbei gewesen? Warum hatte er sich danach nicht dem schönen Gefühl der Frau gewidmet?

Trotz all dieser Unklarheiten war ich doch glücklich über das, was ich gesehen hatte. Offenbar konnten Männer genauso wie Frauen dieses schöne Gefühl bekommen (was ich mir eigentlich schon gedacht hatte). So war zu erwarten, auch ich würde eines Tages in diesen Genuss kommen.

Andererseits war ich aber auch etwas erschrocken. Die Riesigkeit jenes Phallus machte mir zu schaffen. Der Gedanke war unangenehm, ob ich auch einmal so einen Wahnsinnsapparat bekommen könnte, denn der brachte ja offenbar Probleme. Vielleicht aber war der, den ich gesehen hatte, abnormal? Wenn alle Männer ab und zu so einen riesigen bekämen, wäre mir das doch schon aufgefallen, oder?

Sehr befremdlich auch diese Flüssigkeit, die offenbar austrat, wenn es am schönsten war. Pipi war es nicht, das hatte ich gesehen. Die Portion, die nahe bei mir gelandet war, tropfte nur langsam von den Blättern herunter und waren auch nicht klar, sondern weißlich.

Hier der Link zum nächsten Teil: http://milliansstrass.twoday.net/stories/roman-milliansstrass-kapitel-6-und-folgende/

Wird fortgesetzt

(Dies ist ein fiktives Werk, auch wenn einige autobiographische Erfahrungen verarbeitet wurden.)

Milliansstrass - ein Fortsetzungs-Roman-Blog

Dieses Blog bringt den Roman Milliansstrass von Karl Weiss in der Folge, wie die Fortsetzungen im Blog http://karlweiss.twoday.net/ veröffentlicht werden.

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